Glatte Kunst

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von Marianne Schubert. (Erschienen in "Das Goetheanum" vom 14. Sept. 2018)

Die rasante Entwicklung der virtuellen Welt droht den Menschen zu einem manipulierbaren, sinnesarmen Wesen zu machen. Auch in der Kunst verdrängt häufig die virtuelle Darstellung die sinnlich erfahrbare Materialität der Dinge. Ist die Kunst als Wesenselement der Mitte dadurch in Gefahr? Welche Erlebnisebene wird uns da entzogen und was genau tritt an ihre Stelle?

Ein Sommer-Erlebnis: Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt in einer großen Retrospektive das Lebenswerk der Performancekünstlerin Marina Abramović in Form von Videos. Sie selbst, die zeitlebens den eigenen Körper zum Medium ihrer Kunst gemacht und ganz aus der gegenwärtigen Anwesenheit gearbeitet hat, ist auf dem Bildschirm zu sehen. Nur eine Performance in der gesamten Ausstellung wird von zwei anwesenden Personen ausgeführt. Die beiden nackten Frauen bilden ein enges Tor, und es braucht Mut, zwischen ihnen hindurchzugehen. Eine überraschende Erfahrung stellt sich ein. Die Präsenz dieser beiden Personen im Raum ist für mich das stärkste Erlebnis der ganzen Ausstellung, weil sie mehr und andere Wahrnehmungsebenen eröffnen als die glatten Oberflächen der Fotos und Bildschirme.

Die Ausstellung hat etwas Faszinierendes, Perfektes, aber auch sehr Glattes. Der Betrachter fühlt sich angezogen und wird an Grenzen geführt und gleichzeitig auf Distanz gehalten. Die Videoinstallationen saugen meine Aufmerksamkeit an. Haptische Erlebnisse vom Material, von Stofflichkeit, fehlen, das Erleben von warm oder kalt, vom Umraum, in den die Arbeit gestellt ist. Ich bin erstaunt, wie diese Erfahrung mir zum Sommer-Erlebnis wurde und die Sehnsucht nach einer real erfahrbaren Wirklichkeit in der Kunst auslöste.