Bericht zur Sektionstagung 2017 von Alexander Schaumann

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Zum dritten Mal stand die öffentliche Jahrestagung der Sektion für bildende Künste unter dem Motto "Werkstattberichte". Nach den Themen "Installation" und "Malerei" hatte Marianne Schubert Künstler eingeladen, die mit neuen Medien und neuen Materialien arbeiten. In drei Morgenvorträgen und zwei Filmabenden stellten diese ihre Werke vor, die anschließend in Kleingruppen und im Plenum besprochen und diskutiert wurden. Es herrschte eine angeregte Gesprächsatmosphäre, in der unter verschiedensten Aspekten versucht wurde das Anliegen des jeweiligen Künstlers zu verstehen. Wenn am Ende der Tagung schließlich der Eindruck entstand man könne jetzt "anfangen", so bedeutete das doch nichts weniger, als dass die Phänomene soweit durchgearbeitet waren, dass grundsätzliche Fragen sichtbar wurden. Anstatt voreilige Grundsatzdebatten zu führen war also echte Arbeit geleistet worden. Dicht am künstlerischen Prozess und den Herausforderungen, denen sich die eingeladenen Künstler gestellt hatten, entstand eine Aktualität, die nicht leicht herzustellen ist.

Eingeleitet wurde die Tagung durch einen grundsätzlichen Beitrag zu den Perspektiven der sog. Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt. Dabei scheinen Faszination und Bedrohung untrennbar miteinander verbunden, solange die "neusten technischen Entwicklungen" nur Ankündigung und damit Bild bleiben. Man hätte sich mehr zu den Problemen der Aneignung und des Umgangs mit ihnen gewünscht (s. Beitrag von Ruedi Bind). Genau darum kreisten aber die Arbeiten, die Peter Elsner am nächsten Morgen vorstellte. Er hatte durch Vervielfältigung einer menschlichen Figur am Bildschirm kosmisch-symphonische Kompositionen entwickelt, die um die Mysterien der Höhe, der Tiefe und des Menschen kreisen, Gruppenbilder, die eine Sorge um den "blauen Planeten" erkennen lassen. Wärme, Kälte, Illustration, Mathematisierung und der Austausch des Künstlers mit dem entstehenden Werk waren Stichworte des anschließenden Gesprächs.

In ganz anderer Weise beeindruckend waren die Arbeiten von Marc Rossel, die am nächsten Morgen vorgestellt wurden. Der von seinem Vater zur Naturwissenschaft bestimmte Australier, der anschließend in New York Kunst studierte und jetzt in Niederösterreich als Bildhauer tätig ist, zeigte Gestelle, die mit Frischhaltefolie umwickelt wurden. Aber nur der erste Eindruck erinnerte an Christo oder Barbara Hepworth. Mehr und mehr erhielten seine Arbeiten einen wesenhaften Charakter und das nur allzubekannte Material wurde zu einer lichthaften Membran, die Kräfteverhältnisse zwischen Innen und Außen vermittelt. Unverhohlen gab er Einblick in seine Ratlosigkeit während der Arbeit, aber auch in ihre Konsequenz. Es nährt einen Kollegen so rückhaltlos bei der Arbeit zu sehen.

In wieder ganz anderer Art erfrischend war der Beitrag von Charlotte Fischer, deren Arbeiten wir alle kennen. Sie ist es, die Eurythmie fotografierbar gemacht und dem Waldorfmotto: "das Kind im Mittelpunkt" ein Gesicht gegeben hat. Während der lichten Monate des Jahres fast pausenlos unterwegs ist sie fest davon überzeugt keine Künstlerin zu sein, einfach deswegen, weil sie die Anliegen ihrer Auftraggeber ernst nimmt, die sie sich dann aber auch zueigen macht. Den Moment erkennen, in dem der Blick des Kindes spricht oder die flutende eurythmische Bewegung trotz der Erstarrung des fotografischen Bildes zu spüren ist, das kann nur ein Herz, das ein Anliegen hat. Hier gab es am wenigsten zu diskutieren!

Darf man dagegen das verzweifelte Schreien seines gerade geborenen Sohnes filmen? Das hatte Hans-Jörg Palm nämlich getan, bevor er sich dann selber zur Tonspur seines Babys filmte, während er dessen Mimik imitiert. Von der freudigen Entdeckung der laufenden Kamera seitens des Kleinkinds über das Erproben erster Urlaute bis zurück zu besagtem Schreien zeigt er filmische Sequenzen, deren Einfühlungskraft berührte. Angesichts der Nähe zwischen Ton und Bild beruhigte es geradezu zu erfahren, dass jeder Sequenz an die fünfzig Versuche vorangingen. Noch weiter zurück führte dann Ruedi Binds "Fenster A", das auch nach vierzig Jahren nichts von seiner konfrontativen Kraft verloren hat. Mit Ausnahme des Anfangs und des Endes immer frontal zeigt es den Blick auf Mauern und Fenster und durch Fenster, bis schließlich der Blick über nächtlich erleuchtete Häuserzeilen schweift. Das Sein des Blickenden gerät nie in Vergessenheit - Kompliment!

In die Gegenwart zurück führten dagegen die Filme von Monika Huber, einer Fruhtrunkschülerin aus München, die der Aufruhr, den sie anlässlich einer Ausstellung in Athen erlebte, in eine Krise stürzte. Johannes Nilo war auf sie aufmerksam geworden, da sie im Südtreppenhaus des Goetheanum fotografierte. Dort "sah" sie etwas im gebauten Raum, was sie zuvor nur in der Imagination ihrer abstrakten Bilder gesehen hatte. Jetzt zeigte sie dagegen Filme, die sich mit dem arabischen Frühling und den anschließenden Gewalttaten und Kriegen beschäftigten.  Ohne jeden Plan hatte sie begonnen, die im Fernsehen gezeigten Bilder abzufilmen und zu bearbeiten. Wie kann man sich diese äußeren Ereignisse aneignen und verarbeiten? Stellt sich schon anhand des gemalten Bildes die Frage worauf denn das Ich des Betrachters bei der Betrachtung trifft, so stellt sich diese Frage angesichts der mechanisch produzierten Objekte umso mehr. Diese Forschungsfrage dürfte das weitreichendste Ergebnis der ereignisreichen Tage sein.

Alexander Schaumann